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Kolumnen - Karl Kelschebach

extrem2Ey, verpiss’ dich! Du bist von `nem Bügelbrett nur an den Pickeln zu unterscheiden, das hier ist nichts für dich! Und deine Mutter soll sich beim Mastbetrieb als Schwein bewerben, kapiert?
Verzeihen Sie bitte diesen fürwahr unschicklichen, ja sittenwidrigen Duktus, welcher, wie mir durchaus bewusst ist, der journalistischen Vertretung einer staatlichen Institution in keiner Weise gerecht wird. Ich möchte mich von den obigen Zeilen ausdrücklich distanzieren und mich einer eloquenteren Lexik befleißigen.

Haben Sie es gemerkt? Ich betreibe gerade Selbstfindung.
Lassen Sie mich das erklären: Soeben las ich in einer Kolumne von Harald Martenstein, es gebe überall Teufel und Engel, Extreme, zwischen denen sich eine Art Skala einrichten ließe. Harald Martenstein will sich selbst auf der Skala gefunden haben. Sollte das stimmen, bewundere ich ihn. Sollte es nicht stimmen, bewundere ich ihn leider trotzdem, aber mehr wegen seiner Kolumnen.

Engel oder Teufel?

Was nun jedenfalls seine Skala betrifft: Die macht mich ganz kirre. Ich für meinen Teil kann nämlich nicht behaupten, mich auf derselben einordnen zu können, sondern gewinne den Eindruck, dass ich ziellos, wirr, ohnmächtig auf ihr hin- und herrenne, idiotisch auf ihr herumspringe, dann zappelig auf der Stelle trete, um im nächsten Augenblick eine Kehrtwende vorzunehmen, welche einen Sturz beschert, nach dem ich mich in kriechend weiterschleppe. Denn was will man denn nun sein? Engel? Stelle ich mir auf Dauer langweilig vor. Teufel? Langweilig wäre es sicher nicht, ich pflege auch dann und wann zu behaupten, ich sei ein schlechter Mensch, nur haben Teufel, glaube ich, in sexueller Hinsicht noch schlechtere Chancen als Engel. Und so taumelt man zwischen den Extremen dahin, wie die einleitenden Zeilen zeigen.

Extrem - was?


Karl Kelschebach, Jg. 12, ist seit 2008 Chefkolumnist des NGO-Onlinemagazins.
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So ist das; wir, und wenn ich den Plural gebrauche, so richte ich mich damit in erster Linie an meine jüngeren Leser, möchten stets extrem sein, denn nur das Extreme kann zugleich als das Absolute, als letzte Instanz, als moralisches Fundament herhalten. Das Streben nach Extremem ist nichts anderes als das Streben nach Sicherheit, nach einer unantastbaren Rolle, und insofern eigentlich recht spießig.
Und doch: Fühlen wir uns nicht irgendwie wohl, wenn wir mal wieder extrem sind? Wenn wir extrem liebenswert oder extrem eklig, extrem romantisch oder extrem zynisch sind? Wenn wir beobachten, wie unsere Mitmenschen sich echauffieren über unsere Radikalität? Wie sich dieselbe nun gestaltet, ist relativ gleichgültig – ich habe schon Spottlieder auf Mitschüler gedichtet („Er hat echt eine schreckliche Visage / und seine Blödheit ist `ne Blamage...“), was radikal gemein war,  und schon einer Freundin ein dreizehnstrophiges Geburtstagsgedicht geschrieben („Ich wünsche mir in diesen Tagen / zu deinem Glücke beizutragen...“), was radikal entzückend war (fand ich jedenfalls). Im ersten Fall erhielt ich Anerkennung durch ähnlich niederträchtige Mitschüler, im zweiten war ich wahnsinnig gerührt über mich selbst, beides war für den Moment ziemlich gut.

Fazit

Bloß: Auf Dauer muss man sich für ein Extrem entscheiden, denn soll es als langfristige Richtschnur für unser Handeln dienen, so duldet es keine Extreme neben sich, zumindest keine ihm entgegengesetzten: Man kann nicht extrem primitiv und extrem dünkelhaft zugleich sein. Man kann einen Rivalen nicht erst als widerwärtigen Wichser bezeichnen, und im nächsten Moment entzückt ausrufen: „Oh, eine Alliteration mit Assonanz!“  
Wie man diese Unentschlossenheit zwischen den Extrem nennt? Gemäßigt. (7/21.03.2010)
 

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