Ein Luftkissen, meint Schopenhauer Drucken
Kolumnen - Karl Kelschebach

Wissen Sie, ich fühle mich gerade wirklich schlecht. Weshalb? Na, der Kolumne wegen. Verstehen Sie, mir ist das richtig peinlich mit den Kolumnen. Wie kann ich Sie nur Woche um Woche mit Ausführungen über Nudelsalate, Viren, Postkarten und Kochbücher behelligen? Ich spüre es: Ich bin ein miserabler Kolumnist. Warum ich Ihnen das mitteile? Natürlich, damit Sie mir widersprechen. Damit Sie mir sagen: „Aber Karl, wie kannst du so etwas denken, wie oft haben wir schon Tränen gelacht über deine Kolumnen“. Ich könnte Ihnen natürlich auch direkt sagen: Loben Sie mich! Wäre aber irgendwie stillos.

Stillos, weil aufrichtig. Ich gestünde Ihnen und mir gegenüber ein, dass mein Ego eines Leckerlis bedarf, dass mein Selbstwertgefühl wieder einmal aufgebrezelt werden müsste. Nun ist es in unserer Gesellschaft aber so, dass Aufrichtigkeit nur angeblich geachtet wird, in der Praxis aber als unschicklich gilt, weil man normalerweise direkt sein muss, um aufrichtig zu sein. Ich will das gar nicht kritisieren, es ist halt nur so. Ansonsten müssten wir auf Umgangsformen zurückgreifen, die zu einem harmonischen Zusammenleben gewisslich nicht beitrügen. Denken Sie nur daran, wie es um die Höflichkeit bestellt wäre! Höflichkeit lebt schließlich von der Lüge.

Ein praktisches Luftkissen
Wenn ich Ihnen hiermit schriebe, ich sei überzeugt davon, Sie seien ein kluger Mensch, dann wäre das zwar sehr höflich von mir, weil ich Ihnen so ein hübsches Kompliment machte, aber eine Lüge wäre es selbstverständlich ebenso, ich weiß ja gar nicht, wer Sie sind. Aber deswegen ist Höflichkeit nicht schlecht. Vielmehr ist sie ein Schutzmechanismus, der sich in der kollektiven Seele entwickelt hat, der der Verletzlichkeit unserer selbst gerecht wird. „Höflichkeit ist wie ein Luftkissen: Es mag wohl nichts drin sein, aber es mildert die Stöße des Lebens“, bringt es Arthur Schopenhauer auf den Punkt.


Karl Kelschebach, Jg. 12, ist seit 2008 Chefkolumnist des NGO-Onlinemagazins.
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Auf dieses Luftkissen sind wir angewiesen – obgleich seine Hülle aus Lügen gewebt ist. Falls Sie weiblichen Geschlechts sind, stellen Sie sich einmal folgende Situation vor: Ihr Freund ist passionierter Fußballspieler. Er bittet Sie flehentlich, ein für ihn sehr wichtiges, sprich: ein beliebiges Fußballspiel anzuschauen. Weil Sie ihn sehr lieben und relativ selbstlos veranlagt sind, nehmen Sie dieses Martyrium auf sich, stehen an einem regnerischen Samstagnachmittag inmitten einer stumpfen, blökenden Menschenmasse in einem schmutzigen Stadion und sehen, wie er mit anderen Leuten hinter einem Ball herrennt. Anschließend fragt er sie, wie es Ihnen gefallen habe. Würden Sie erwidern: „Ätzend“, so käme das den tatsächlichen Verhältnissen sicher nahe, doch vermutlich wäre er darüber minder erfreut.

Hymnen auf Ungetümer
Damit wir die gesellschaftlichen Klischees, wo wir schon einmal dabei sind, auch voll ausschöpfen: Sollten Sie männlichen Geschlechts sein, malen Sie sich bitte diese Situation aus: Ihre Freundin zeigt Ihnen ein atemberaubend kitschiges Kleid, das sie erworben hat. Nachdem sie erst nicht mehr aufhören konnte, davon zu schwärmen, Ihnen damit allerdings keine Hymnen auf das Ungetüm entlocken konnte, versucht Sie es nun auf die subtilere Art und tut, als überkämen sie Zweifel an der Qualität des Scheusals. „Irgendwie ... Vielleicht steht es mir gar nicht... So an den Hüften... Urgs, das sieht ja komisch aus!“ Was meinen Sie, was los wäre, wenn Sie nun antworten würden: „Stimmt Schatz, jetzt, wo du’s sagst“?

Tja, so ist das eben, Höflichkeit ist notwendig, aber aufrichtig ist sie deshalb nicht. Bei Ihnen ist das selbstverständlich etwas anderes: Wenn Sie höflich sind, lügen Sie nie.(36/30.08.2009)

 

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