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Kolumnen - Karl Kelschebach
Jugendfotos.de-bananaramaJener Satz, der hier, auf einer noch so weißen Seite, deren Leere er, in welchem die Weite des Kosmos, worin der Geist der Worte, die sich zu einem Mosaik, dessen schillernde, alle irdische Herrlichkeit in sich tragende, Fragmente jenen tiefen Sinn des Satzes, der als Frucht im Garten des Lebens, manches mal wohl gar mühevoll und beschwerlich, preisgegeben den Stürmen der Empfindung, gereiften Erkenntnis erquickt, bilden, zusammenfügen, schwebt, wiederscheint, zu bezwingen trachtet, niedergeschrieben wird, strebt der Endlosigkeit entgegen. 

 

Sie finden den Satz zu lang? Sie können mich mal! Wenn Sie keine Lust haben, die müden Zellen einmal etwas anzustrengen, brauchen Sie ihn ja nicht zu lesen! Und wenn Sie Deutschlehrer sind, dann sage ich Ihnen gleich: Kommen Sie mir jetzt nur nicht mit Leserfreundlichkeit! Leserfreundlichkeit, allein schon das Wort! Als wäre ich Ihnen zu Freundlichkeit verpflichtet! Entweder Sie lesen, was ich schreibe, oder Sie lassen es bleiben, aber von mir zu verlangen, dass ich freundlich mit Ihnen umgehe, damit Sie sich denn gnädigst dazu herablassen, wohlwollend auf meinen Text zu blicken – also alles hat seine Grenzen! Wissen Sie, es ist mir völlig egal, ob Sie mich für freundlich halten oder nicht; ich schreibe doch nicht, um Ihnen einen Gefallen zu tun, um es Ihrem schlaffen, plumpen, jede Herausforderung, jede Hürde verachtenden Geist leicht zu machen!

Dann Lesen Sie doch Karl May

Das Schlimme ist ja, dass nicht bloß Sie hier auf der Leserfreundlichkeit herumreiten, als bestehe auf Erden kein wichtigeres Qualitätsmerkmal eines Textes. Mir wurde schon unter manche Arbeit geschrieben, ich formuliere zu umständlich. Unter eine Langzeitarbeit schrieb mir in der neunten Klasse eine Lehrerin, ich verwende zu viele Bandwurmsätze und Partizipialkonstruktionen – wobei Letzteres mich besonders ärgerte, weil ich nicht wusste, was es war. Was bildet sich diese durch ihre Missachtung gegenüber Partizipial- und Nebensatzkonstruktionen geistige Trägheit auf eine Weise, von der ich mich aufs Schärfste zu distanzieren beabsichtige, zum Ausdruck bringende Person eigentlich ein? Wenn sie es leserfreundlich haben will, soll sie Karl May lesen! Ich erinnere mich daran, dass ich im nächsten Aufsatz einen Satz von acht Zeilen schrieb, nur um sie zu 


Karl Kelschebach, Jg. 12, ist seit 2008 Chefkolumnist des NGO-Onlinemagazins.
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provozieren.

Kritik und Neid?

Wobei... also, ich habe mir die Langzeitarbeit gerade noch einmal durchgelesen, um zu beweisen, dass meine Lesertyrannei stilistische Blüten hervorbringt, die sie damals schlichtweg neidisch machten. Dabei traf ich auf Sätze wie: „Hinzu kommen Reportagen, die kommentierend und analysierend sind“ oder die Formulierungen: „Es gibt im Nachrichtenteil, der drei Seiten beträgt, ein, meist politisches, Zitat“ sowie „Wie die Zeitungen mit dem Thema umgegangen sind, soll mit in die genaue Betrachtung derselben einfließen und Informationsbasis für die besagte sein.“ Ich habe noch einmal gründlich reflektiert und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass sie vielleicht doch nicht neidisch war. Um es einmal ganz leserfreundlich auszudrücken: Die Formulierungen kann man vergessen. Gewiss darf man dem Leser so einiges zumuten, wer Goethe liest, macht schließlich auch allerhand mit. Dennoch stellt sich die Frage, ob es Sinn hat, das Dargestellte – zum Beispiel durch ewiges Substantivieren – unnötig zu verkomplizieren. Obgleich ich mehr Freude daran hätte, noch ein wenig auf Menschen einzudreschen, die Partizipialkonstruktionen nicht mögen, gestehe ich, dass die ständige Benutzung derselben der Eleganz eines Schreibstils nicht zwangsläufig zuträglich ist. Nein, oft liegt gerade in der Schlichtheit eines Satzes, seine Eleganz und nicht nur das: Auch sein Inhalt kann sich so besser entfalten, befreit vom Korsett erbarmungsloser Satzverschachtelung.

Leserfreundlichkeit, nein danke!

Mal schauen, vielleicht überarbeite ich den ersten Satz noch mal. Aber glauben Sie bloß nicht, ich täte es, um leserfreundlich zu sein, ich tue es, um der Qualität des Satzes willen: Die Sprache so hemmungslos zu strapazieren, finde ich nämlich unvertretbar. Mit Ihnen habe ich kein Mitleid. (12/20.06.2010)